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Bye-bye, Britain!

von | 30.03.2021 | Weltweit

Ein paar Monate sind vergangen, seit Großbritannien den gemeinsamen europäischen Binnenmarkt endgültig verlassen hat. Mit jedem Tag offenbart sich den Briten ebenso wie ihren Handelspartnern mehr, was der Brexit in der Realität bedeutet. Vorläufiges Fazit: Noch kracht es im Gebälk, und die Folgen des Brexits werden noch lange zu spüren sein.

Sir Elton John ist sauer, Sting auch, ebenso wie Ed Sheeran – die britischen Künstler beschwerten sich jetzt öffentlich in der „Times“: Wollen sie ab 2021 in der EU touren, brauchen Musiker wie Crewmitglieder ein Visum. Das ist zeitaufwendig und teuer. Neu fallen außerdem Kosten an für Genehmigungen, etwa wenn sie Instrumente transportieren wollen, und andere Lizenzen. Dies könne dazu führen, dass manche Tourneen gänzlich „unrentabel“ gemacht würden.

Ein Beispiel unter vielen, denn der Brexit betrifft viele Branchen – auch solche, an die man nicht als Erstes denkt. Seit dem Ende der Übergangsphase zum 1. Januar 2021 ist zwischen Großbritannien und der Europäischen Union das Handels- und Kooperationsabkommen (EU-UK Trade and Cooperation Agreement, TCA) vorläufig in Kraft. Das Vereinigte Königreich ist ein bedeutender Partner auch der rheinland-pfälzischen Wirtschaft. Im Jahr 2020 wurden Waren im Wert von rund 2,6 Milliarden Euro aus Rheinland-Pfalz nach Großbritannien ge-liefert. Damit nahm das Land 5,2 Prozent aller rheinland-pfälzischen Exporte ab und war der sechstwichtigste ausländische Absatzmarkt für hiesige Unternehmen. Rund 1.000 Firmen aus Rheinland-Pfalz stehen mit Großbritannien in Geschäftsbeziehungen. Auf die Insel verkauft werden überwiegend Fahrzeugteile, Lkw, pharmazeutische Waren, Kunststoffe und Maschinen. „Entsprechend bedeutsam ist der Brexit für die hiesigen Unternehmen. Denn Großbritannien bleibt auch jetzt ein attraktiver Wirtschaftspartner“, so Frank Panizza, Referent für Europa und Amerika der IHK Pfalz.

Der Beratungsbedarf ist hoch

Seit Anfang Januar steht das Telefon des IHK-Pfalz-Auslandsexperten nicht mehr still, denn der Brexit wirft viele praktische Fragen auf. „Obwohl die meisten Unternehmen hierzulande ihre Hausaufgaben im Vorfeld gemacht hatten, ist der Beratungsbedarf hoch“, so Panizza. „Denn viele Rahmenbedingungen waren bis zum Schluss unklar.“ So konnten Anpassungen an das neue Handelsabkommen etwa erst ab Ende Dezember 2020 vorgenommen werden. Insbesondere die nötig gewordenen Zollverfahren werfen viele Fragen auf. Erschwerend komme hinzu, dass die britischen Kunden und Lieferanten auf die neue Situation häufig schlecht vorbereitet sind, stellt Panizza fest.

Die in der Pfalz ansässige Tochtergesellschaft einer internationalen Unternehmensgruppe etwa sucht jetzt nach neuen Lieferanten in der EU. Der Grund: Seit Jahresanfang hat der Hersteller massive Probleme mit britischen Lieferanten. Die Zulieferer machen vielfach Fehler bei der Zollabwicklung und verursachen dadurch Verzögerungen und Materialengpässe. Ein plakatives Beispiel dafür, dass sich Lieferketten durch den Brexit tatsächlich verlagern können, wenn die Schwierigkeiten im Warenverkehr aus und nach Großbritannien dauerhaft nicht zu beheben sind.

Flut an Zolldokumenten

„Trotzdem sind die betroffenen Unternehmen froh, dass es überhaupt ein Abkommen mit Großbritannien gibt. Es reicht sogar weiter, als es der Brexit-Prozess zwischendurch vermuten ließ“, sagt Panizza. Allerdings ändere das Abkommen nichts an der Tatsache, dass das Vereinigte Königreich die EU verlassen hat. Vor allem der Warenverkehr ist wegen der Flut an Zollpapieren und Dokumenten, die nun für den Marktzugang erforderlich sind, deutlich zeit- und kostenintensiver geworden. „Kleine und mittlere Unternehmen, die nur in EU-Staaten liefern, haben oft keine Erfahrung mit aufwendigen Zollformalitäten. Sie werden jetzt ins kalte Wasser geworfen und stehen vor großen Herausforderungen.“

Auch auf Seiten britischer Importeure fehlt die Erfahrung mit den neuen Verfahren. Oft versuchen sie dann, die Verantwortlichkeit für die Zollformalitäten in Großbritannien auf den deutschen Exporteur abzuschieben. „Bei den Zuständigkeiten gibt es häufig Missverständnisse und Fehlinformationen, außerdem informieren die britischen Behörden nicht immer klar“, erfährt der IHK-Pfalz-Auslandsexperte in den Beratungsgesprächen.

Auch im Logistiksektor laufe nicht alles rund. Zwar seien die im Vorfeld befürchteten kilometerlangen Lkw-Staus wegen Corona und erhöhter Lagerhaltung erst einmal ausgeblieben, jedoch hätten einige große Speditionen Anfang des Jahres für mehrere Tage keine Sendungen über den Ärmelkanal angenommen, um Probleme bei der Zustellung zu vermeiden, fasst Panizza die Lage zusammen. Zudem sei es zeitweise bei der Abwicklung von Paketsendungen, insbesondere beim Import nach Deutschland, zu erheblichen Verzögerungen gekommen. Die Zollbehörden und Transportdienstleister seien mit der Vielzahl an Dokumenten, die nun zusätzlich geprüft werden müssten, an ihre Kapazitätsgrenzen gestoßen. Auch in den kommenden Monaten müsse mit Verzögerungen im Lieferverkehr gerechnet werden.

Hürde: Entsendung von Mitarbeitern

Hohen Informationsbedarf gibt es außerdem bei der Entsendung von Mitarbeitern: „Auch hier gibt es völlig neue strenge Regeln“, weiß Panizza. „Hier ist Großbritannien deutlich restriktiver geworden, Unternehmen müssen sich die Vorgaben dazu gründlich anschauen.“ Nach seiner Erfahrung müssen Unternehmen im Einzelfall entscheiden, ob das überhaupt noch möglich ist. „In der Praxis wird jetzt deutlich, dass das Abkommen den Brexit zwar etwas abfedert, dass es aber auch Schwächen hat.“

Britische Kunstschaffende, allen voran Elton John, fordern von der britischen Regierung bereits konkrete Maßnahmen zur Bewältigung der aktuellen EU-Tour-Situation. Die Regierung müsse jetzt für britische Künstler über ein papierfreies Reisen in Europa verhandeln – oder einen dauerhaften Schaden für den britischen Kultursektor riskieren.

 

WEITERE INFORMATIONEN:

Kompetenzzentrum Großbritannien: www.pfalz.ihk24.de/grossbritannien

Brexit-Online-Check: www.ihk.de/brexit

Brexit-Veranstaltungen der rheinland-pfälzischen IHKs: www.ihk-rlp.de/brexit-veranstaltungen

 

Foto: stock.adobe.com – Zarya Maxim, Stillfx

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Marion Raschka
Marion Raschka

Freie Wirtschafts-Journalistin für IHK Interaktiv und das Wirtschaftsmagazin Pfalz.

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