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„Den geopolitischen Muskel ausbilden“

von | 26.04.2022 | Weltweit

Es ist eine Binsenweisheit, dass die Welt immer komplexer wird, gerade die, der globalen Wirtschaft. Doch diese Komplexität zu greifen, ihre Chancen und Risiken abzuwägen, fällt immer noch vielen Unternehmen schwer. Katrin Suder und Jan F. Kallmorgen zeigen in ihrem neuen Buch „Das geopolitische Risiko“ die Grenzen der Globalisierung auf und beschäftigen sich mit den Konsequenzen der neuen Weltordnung.
In dieser dominieren fragmentierte Märkte, nicht betriebswirtschaftliche Dynamiken und regulierende Machtinstrumente. Mit immensen Folgen für Unternehmen: Quasi über Nacht – der Krieg zwischen Russland und der Ukraine ist ein aktuelles Beispiel – kann ein ganzes Geschäftsmodell in Schieflage geraten, Lieferketten unterbrochen und der Verkauf von Produkten in bestimmte Länder verboten werden.

Aber auch langfristige Strategien von Staaten – die digitale Seidenstraße dient hier als Beispiel: China exportiert die eigene Technologie inklusive Überwachungsmodell gezielt in afrikanische Staaten – müssen zunehmend Berücksichtigung finden. Und zwar auf höchster Ebene im Unternehmen. Suder und Kallmorgen fokussieren sich auf die drei dominanten Themen in der geopolitischen Landschaft: den Konflikt zwischen USA und China, Environmental Social Governance (ESG) und Technologie als Machtinstrument. Ihr wichtigster Tipp ist es, die Bedeutung dieser Themen für das eigene Unternehmen nicht zu unterschätzen.

Frau Suder, mit dem Krieg um die Ukraine haben wir leider einen sehr aktuellen Anlass, um über Geopolitik zu sprechen. In Ihrem Buch rücken Sie eine mögliche Annexion Taiwans durch China in den Fokus. Sehen Sie die Möglichkeit eines Dominoeffekts?

Ich würde die Themen Ukraine und Taiwan geopolitisch entkoppeln. Es gibt die Sorge, dass China jetzt auf dem Rücken der existierenden Auseinandersetzung die Lage nutzt, Taiwan zeitnah zu annektieren. Präsident Xi Jinping hat in keiner Rede Zweifel daran gelassen, dass das für ihn ein strategisches Super-Ziel ist, an dem er festhalten wird. Taiwan hat eine zentrale strategische Bedeutung im Weltwirtschaftsgeschehen, dort ist unter anderem TSMC ansässig, der größte Fertiger von Halbleitern, der bei den kleinen Chips über 90 Prozent Marktanteil hält. Natürlich nehmen die Chinesen das derzeitige Geschehen in der Ukraine zur Kenntnis und berücksichtigen es in ihren Strategien. Allerdings wird sich die Zeitachse dadurch nicht verändern, da werden wir aller Voraussicht nacht keinen kurzfristigen Effekt sehen.

Dr. Katrin Suder ist eine der renommiertesten Strategie- und Technologieexperten Deutschlands. Die Physikerin hat Mandate in diversen Aufsichtsräten, leitete als Vorsitzende den Digitalrat der Bundesregierung unter Angela Merkel und war Staatssekretärin im Bundesverteidigungsministerium.
Sie schreiben, dass geopolitisch mittel- und langfristig die Beziehungen China-USA-EU am kritischsten sind. Ist Russland für Sie trotz allem hier kein Player mehr?

Unsere Kernthese ist, dass die geopolitischen Themen nicht mehr verschwinden. Die Welt ist in einer neuen Ordnung, die gekennzeichnet ist durch große Fragmentierung, das heißt, viele einzelne Staaten treffen ihre eigenen Entscheidungen, es gibt keine globale Ordnung mehr.

Auch die Schiedsrichter-Funktion existiert nicht mehr. Putin führt einen Angriffskrieg und die relative Unterstützung durch China stärkt den „Entkoppelungseffekt“ zwischen demokratischen Marktwirtschaften und Autokratien. Mittelfristig heißt dass, das sich immer mehr Unternehmen werden entscheiden müssen, in welcher der beiden „Welten“ sie ihren Schwerpunkt setzen. Vor allem die USA werden darauf verstärkt drängen. Kurz:  Unternehmen müssen sich anpassen an eine neue Weltordnung, die womöglich keine Ordnung mehr ist – und das unabhängig vom Tagesgeschehen.

Wie sollen sich die Unternehmen anpassen?
Dazu zählen verschiedene Dimensionen: Überprüfung von Standorten, Märkten und Lieferketten. Dann die anschließende Frage, wie mit Lieferketten umzugehen ist im Hinblick auf Menschenrechts-Gesichtspunkte. Oder auch das weitere ESG-Feld – ist mein Geschäftsmodell nachhaltig, erfülle ich entsprechende Kriterien, um an Finanzierung zu kommen.
Doch was wir jetzt in vielen Gesprächen und Statements hören, ist, dass Unternehmen eben nicht vorbereitet sind, auf einen solchen geopolitischen Schock – teilweise fehlt die Transparenz, also eine systematische Analyse sowohl der Mitarbeiter (wer ist wo) als auch der Produktion vor allem was beziehe ich von wo. Sie sind auch nicht vorbereitet in der Kommunikation, nicht in Alternativszenarien und dem Durchdenken von Konsequenzen. Hier müssen sich Unternehmen jetzt dringend vorbereiten, denn diese Schocks werden weiter zunehmen.
Sie raten Unternehmen dazu, Geopolitik als Vorstandsthema zu behandeln, etwa einen Chief Geopolitical Officer(CGO) zu installieren, sowie zur Diversifikation von Wertschöpfungsketten und zu einem globalen Monitoring mit Frühwarnsystemen und zum regelmäßiger Austausch mit Politikern, Think-Tanks, Diplomaten und Militärs. Wie soll das der Mittelstand leisten?

Natürlich hat der Mittelstand andere Ressourcen. Was allerdings auch für ihn gilt: er kann sich nicht mehr heraushalten und er kann es nicht ignorieren. Auch hier die Frage, was tun? Eine Antwort kann heißen, dass IHKs, Verbände etc. eine größere Rolle spielen, spielen müssen. Und auch bei den Kammern und Verbänden gilt es, einen geopolitischen Muskel auszubilden um dann wiederum den Mitgliedsunternehmen Hilfestellung geben zu können. Denn die Themen sind komplex und die Mittelständler haben häufig nicht die notwendige Ausstattung – aber sie müssen Geopolitik als Thema akzeptieren. Und sich auch der Tatsache stellen, dass die neue geopolitische Lage Umsätze und Margen kosten kann – wenn man sie nicht aktiv managt.

Das bedeutet, Sie raten nicht dazu, pauschal von einer wirtschaftlichen Verflechtung z.B. mit China abzusehen, diese aber sorgfältig individuell abzuwägen – auch in geopolitischer Hinsicht?

Ja, das muss man differenziert betrachten. In einer Kernindustrie, die entweder die USA oder China als strategisch ausgerufen hat, beispielsweise autonome Systeme, Robotics oder die Chip-Industrie, sind das Risiko und die Exposition ganz anders als im Konsumgüter-Bereich oder bei Low-Tech-Produkten.

Firmen müssen zudem abwägen, wie hoch ihr Risiko hinsichtlich ESG ist oder der technologischen Entkopplung, dem Decoupling. Dementsprechend sind Szenarien zu durchdenken und Aktivitäten vorzubereiten. Es gilt, sehr genau hinzuschauen: was macht man wo? Produziert man, exportiert man oder importiert man? Dann gilt es, zu überlegen, ob man politisch risikoexponiert ist. Wichtig ist: Sowohl die USA als auch China haben glasklar zum Ausdruck gebracht, dass sie sich als konkurrierende Weltmächte sehen, die sich in den Gebieten, die sie für strategisch relevant halten, voneinander entkoppeln und in einem direkten Wettbewerb sind.

Das Buch „Das geopolitische Risiko“ schrieb Katrin Suder zusammen mit dem Historiker und Politikwissenschaftler Jan Friedrich Kallmorgen, der seit 15 Jahren internationale Investoren und Unternehmen an der Schnittstelle von (Geo-)Politik, Kapitalmarkt und Wirtschaft berät.
Welche Bedeutung wird dann die Globalisierung noch haben? Oder sind die neuen Staatsziele vor allem in einer autarken Versorgung zu sehen?

Die Globalisierung, wie wir sie kannten, ist nicht mehr existent. Es gibt Bestrebungen zu mehr Autonomie und Autarkie. Aber eine völlige Entkopplung oder Autonomie kann in vielen Sektoren zumindest kurzfristig nicht erreicht werden, wenn überhaupt. Russland zum Beispiel besitzt rund 40 Prozent des globalen Marktes an Palladium. Seltene Erden, Vorprodukte für Vakzine, die Wertschöpfungskette für Halbleiter sind weiter Beispiele. Doch das politische strategische Ziel der Relokalisierung der Wertschöpfungsketten von Schlüsselindustrien wurde in allen Ländern ausgedehnt.

Wenn geopolitische Krise zunehmen, ist das zweischneidige Schwert der Wirtschaftssanktionen als einzige Waffe außer einem militärischen Einsatz dauerhaft geeignet? Immerhin sind die Auswirkungen für die heimische Wirtschaft oft schwer und langwierig.

An Sanktionen und extraterritoriale Maßnahmen werden wir uns gewöhnen müssen. Dieses zweischneidige Schwert wird in die Hand genommen und exekutiert. Wirtschaftssanktionen sind übrigens schon seit Jahren ein etabliertes und systematisches Instrument der Politik geworden, beispielsweise der USA gegenüber China für High-Tech-Güter. Dann gibt es kurzfristige Sanktionen gegen einen Aggressor. Auch durch diese Sanktionen werden Wertschöpfungsketten gebrochen. Dennoch sind Sanktionen mittlerweile akzeptiert, wohlwissend, dass es Innovation hemmt und Wohlstand kostet. Diese Kollateralschäden werden akzeptiert.

Sie nennen das Thema ESG, also Environmental-Social-Governance, das zweite Hauptthema Ihres Buches. Gab es nicht mit CSR bereits ein ähnliches Thema, das nur zaghaft Früchte trägt? Und wie hängt ESG mit Geopolitik zusammen?

ESG hat fundamental an Bedeutung gewonnen, auch wenn wir derzeit nicht wissen, wie die aktuelle Krise die Themen nach hinten verschieben wird. ESG hat eine geopolitische Dimension, zum Beispiel im Lieferkettengesetz oder der Taxonomie, also der Bewertung, welche Investitionen grün sind und welche nicht. Darüber hinaus wird das Thema ESG unglaublich stark durch die Finanzmärkte, durch die Investoren getrieben – sowohl durch große Asset Management Häuser wie Private-Equity-Gesellschaften, als auch durch Regulierung. Das heißt, wenn ich nicht ESG-konform bin, werde ich irgendwann nur noch sehr teures oder gar kein Kapital mehr bekommen für meine Investitionen. Und das ist ein immenser Hebel. Das ist ein großer Unterschied etwa zu CSR. ESG ist hingegen wirklich umfassend: Umwelt, Soziales und Unternehmensführung. Der zentrale Unterschied ist auch, dass im Falle von CSR Firmen von sich heraus etwas tun wollten, sich freiwillig verpflichteten – jetzt kommt der Druck von außen. Er kommt durch die Investoren, die Gesetzgeber und er kommt vermehrt durch die Kunden und die Öffentlichkeit. Der Druck ist ein völlig anderer geworden.

Unternehmen müssen Geopolitik, ESG und Technologie in ihre Business-Strategie integrieren. Sie müssen weg von einer rein betriebswirtschaftlichen Strategie.

 

 

Bilder: Bert Bostelmann / Campus-Verlag

 

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Alexander Kessler
Alexander Kessler

IHK Pfalz

Redakteur für Print, Web und Social Media im Bereich Öffentlichkeitsarbeit der IHK Pfalz.

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