Gründerzeit?!

von | 28.09.2021 | Existenzgründung

Trotz oder sogar wegen Corona sind in den vergangenen Monaten neue Unternehmen entstanden. Bundesweit legten Start-ups um 13 Prozent zu, in Rheinland-Pfalz sogar um 55 Prozent, stellte das Analyseunternehmen Startupdetector gemeinsam mit Statista im Mai 2021 fest. Über 60 junge Unternehmen wurden ins Handelsregister eingetragen. Allerdings liegt Rheinland-Pfalz damit immer noch weit hinter Berlin, Bayern und Nordrhein- Westfalen. Rheinland-pfälzische Gründungsexperten sehen zum Beispiel viel Potenzial für Start-ups auf dem Weg zum hierzulande vorgezogenen Klimaziel bis 2030. Doch dem politischen Willen fehlen (noch) konkrete Anreize und effektive Fördermaßnahmen für Gründungswillige. 
Özlem Türeci und Ugur Sahin – das türkischstämmige Biontech-Gründerpaar belegt eindrücklich, dass Deutschland voller Ideenreichtum steckt. Doch der Erfolg des Mainzer Unternehmens beruht auch darauf, dass andere an die Idee der mRNA-basierten Technologie geglaubt haben. Vertrauen zahlt sich aus: Das Geld aus den COVID-19-Impfstoffverkäufen wird nun dafür eingesetzt, Medikamente gegen Krebs, Malaria und Tuberkulose zu entwickeln. Damit Innovationen in Wachstumssegmenten wie Klimaschutz, Umwelttechnik und Medizin in der Praxis ankommen, müssen politisch Voraussetzungen geschaffen werden:
Start-ups legen zu

Nach hohen Zahlen Anfang des Jahrtausends nahm die Gründungslust in Deutschland bis 2018 kontinuierlich ab, seit 2019 zeigt die Kurve wieder leicht nach oben. Auch im ersten Quartal 2021 stieg die Anzahl der Neugründungen im Vergleich zum Vorjahreszeitraum noch einmal an. Gegründet wurde 2020 deutschlandweit vor allem in den Branchen Software, E-Commerce, Lebensmittel, Bildung und Gaming

Zu Innovationstreibern entwickeln sich derzeit gesellschaftspolitische Megatrends und zukunftsfähige Ideen, vor allem in den Bereichen:

  • Klima- und Umwelttechnik (Green Economy)
  • Nachhaltigkeit
  • Digitalisierung und Green IT
  • Biotechnologie, Medizintechnik und E-Health
  • Energieeffizienz (Smart Energy)
  • Logistik und Lieferketten

Jede fünfte Firmengründung ist mittlerweile im Klima- oder Umweltschutz und im Bereich der Nachhaltigkeit angesiedelt (Borderstep- Institut für Innovation, Berlin 2021). Mit Grips gegen die Herausforderungen der Zukunft, lautet die Devise.

Mehr Chancengründungen

„Corona hemmt den Gründungsgeist in der Pfalz nicht“, fasst IHK-Pfalz-Experte Thorsten Tschirner die Zahlen des Statistischen Landesamtes zusammen. „Die Gründungsstatistik deckt sich mit unserer Wahrnehmung, die Zahl der Gründungsberatungen hat sich keinesfalls verringert.“ Auch sei nicht spürbar, dass Gründer verstärkt aus der Not (Arbeitslosigkeit) heraus gründen, sondern es seien meist Chancengründungen, die beraten werden. Und: Die Zahl derer, die aufgegeben haben, ist 2020 um fast 12 Prozent gesunken. „Es ist jedoch schwer abzuschätzen, inwieweit dies ein Indiz dafür ist, dass die Corona-Hilfsprogramme gut gewirkt haben und ob es diese Unternehmen schaffen, wieder auf finanziell stabile Beine zu kommen“, so Tschirner.

16 Prozent mehr rheinlandpfälzische Gründer

Das Jahr 2021 startete lebhaft: Die Zahl der rheinland-pfälzischen Gewerbeanmeldungen ist von Januar bis Mai 2021 um 16 Prozent gestiegen (www.statistik.rlp.de). „Hier kann man eine starke Zunahme an Neugründungen vermuten“, erläutert der IHK-Gründungsexperte. Die Zahl der Gewerbeabmeldungen sei hingegen lediglich um vier Prozent gestiegen. Laut Steffen Blaga, Leiter des IHK-Pfalz- Geschäftsbereichs Innovation, Umwelt und Existenzgründung, ist jedoch Vorsicht vor einer Überinterpretation der Statistiken geboten. Häufig würden bundesweit nur die rege innovative Start-up-Szene im engeren Sinne bewertet und Nebenerwerbsgründer und/oder klassische, weniger technologisch orientierte Gründungen (Dienstleistung, Handel, Hotellerie und Gastronomie) außen vorgelassen.

Innovationsgetrieben gründen

„Ein aktuell heißes Gründungspflaster ist die sogenannte Bio-Ökonomie, dazu gehören nachhaltige Lösungen, zum Beispiel in Lieferketten, sowie Start-ups in den Bereichen Klima- und Umwelttechnik, Verpackung, Entsorgung und Aufbereitung“, so Blaga. Nach seiner Erfahrung sind grüne Technologien Gründungsturbos: Das Kernkonzept rund um eine gute Idee wird im Markt weiterentwickelt.

Pioniergeist gefragt

Ähnlich funktionieren auch Ausgründungen im Umfeld von Hochschulen sowie Accelerator- oder Inkubator-Programme innerhalb von Unternehmen oder unterstützt von staatlichen Stellen. „Dies benötigt mehr denn je eine besondere Art von Gründungswilligen, Pioniergeistern und quasi Innovations-Vordenkern, die sich aus der Sicht zukünftig notwendiger Innovationen den vielfältigen Herausforderungen der kommenden Jahrzehnte stellen. Gerade in der Bio-Ökonomie liegen enorme Chancen, mit denen sich Unternehmen rasant und erfolgreich entwickeln können“, prognostiziert Blaga.

Frauen gründen planvoller

Auch die Zahl gründender Frauen steigt in den vergangenen Jahren an: Jedes dritte Unternehmen wird aktuell von einer Frau gegründet, so der Verband der Unternehmerinnen (VdU); im Jahr 2020 waren es 32 Prozent in Rheinland- Pfalz. „Frauen gründen häufig plan- und gehaltvoller als Männer“, erfährt IHK-Experte Blaga in seiner täglichen Beratungspraxis, „aber sie gründen ebenso große Unternehmen und sind genauso ideenreich.“

Social Entrepreneurship

Auffällig ist, dass neben traditionell ausgerichteten Unternehmen immer häufiger Gründungsformen realisiert werden, die den sozialen Charakter des Unterfangens hervorheben, wie etwa gemeinnützige GmbHs (gGmbH) oder Unternehmen in Verantwortungseigentum. Auf diesem Gründungssektor hat Deutschland Nachholbedarf. Die Studie „The best place to be a social entrepreneur“ (Thomson Reuters Foundation gemeinsam mit der Deutschen Bank, Oktober 2019) kommt zu dem Ergebnis, dass es Deutschland unter den 45 stärksten Volkswirtschaften im Hinblick auf die „Unterstützung durch die Politik der jeweiligen Regierung“ nur auf Rang 34 schafft.

Leidenschaft für die Pfalz

Und last but not least zeigen Pfälzer einen regen Gründungswillen im Zusammenhang mit ihrer Heimat: Ob Pfälzerwald-Gin, Online-Plattformen mit Informationen aus dem pfälzischen Wohnort oder Nagellack in Pfälzer Weinfläschchen – der Fantasie beim Gründen aus Heimatliebe scheinen kaum Grenzen gesetzt.

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Marion Raschka
Marion Raschka

Freie Wirtschafts-Journalistin für IHK Interaktiv und das Wirtschaftsmagazin Pfalz.

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