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Innenstadtentwicklung

Innenstadtentwicklung – Renaissance vs. Revitalisierung

von | 28.07.2021 | Infrastruktur

Der Handel braucht die Stadt und die Stadt braucht den Handel. Das galt jahrhundertelang und davon zeugen zahlreiche Großzentren entlang wichtiger historischer Handelswege – wie etwa Leipzig zu Land oder die deutschen Hansestädte zu Wasser. Aber um allerlei Waren an den Endkunden zu bringen, scheint es immer weniger den innerstädtischen Platz zu benötigen. Wie also gelingt es, die Stadtkerne mit neuem Leben zu füllen und die Menschen zurück in die City zu bringen?

Als bedeutendster Treiber für diese Entwicklung hat sich der Online-Handel erwiesen: Alibaba, Amazon, eBay & Co. graben den Ladengeschäften zunehmend das Wasser ab. Der Einzelhandel und sein Konzept, eine mehr oder weniger große Auswahl an Waren im stationären Geschäft zur Mitnahme vorzuhalten, droht auszusterben. Dieser deutlichen Entwicklung stemmen sich die Protagonisten mit vielen kreativen Ideen und reichlich Herzblut entgegen, während die Corona-Pandemie dem E-Commerce noch zusätzlich in die Karten spielte. Abwanderung in Industriegebiet und Outlet Darüber hinaus entstehen mehr und mehr Einkaufsorte auf dem flachen Land – fernab der Zentren also, in die deshalb immer weniger Konsumenten ihren Weg finden. Das muss nicht jedes Mal gleich die grüne Wiese sein, vieles verlagert sich schlichtweg auch in die Peripherie, und mit dem gleichen Effekt für die City. Dort sind nach angloamerikanischem Vorbild immer mehr Gewerbeparks mit konzentriertem Einzelhandel entstanden. Welch fatale Auswirkungen dies auf die Stadtkerngebiete haben kann, hat Pirmasens frühzeitig erkannt und bereits 2007 jegliche Einzelhandels-Ansiedlung in den Außenbezirken komplett untersagt.

Ein Sargnagel für den Einzelhandel dürfte zudem die Tendenz sein, dass die Produzenten und Markeninhaber ihre Produkte komplett am Einzelhandel vorbei selbst vermarkten. Neben Online-Shops sind hier die Fabrikverkäufe und sonstige Outlets zu nennen, die immer öfter anzutreffen sind und sich wegen der Preisersparnis größter Beliebtheit erfreuen. Möglich ist dies überhaupt, weil die Spanne des Einzelhandels wegfällt. Niedrigere Kundenfrequenz und wegbrechende Umsätze bei gleichzeitig hohen Fixkosten: Vor diesem Hintergrund erklärt sich, warum stetig mehr Läden sogar in „bester Lage“ leer stehen und vielerorts von drohender Verödung gesprochen wird.

Transformation vs. Revitalisierung

Aber welcher Weg vermag aus der Misere zu führen: Transformation oder Revitalisierung? Und gibt es gar einen Kardinalsweg? Geänderte Rahmenbedingungen erfordern mithin ein Umdenken, mehr als bloßes Festhalten an Etabliertem. Insofern greift ein reines Anpassen bestehender Konzepte zu kurz – so viel dürfte klar sein. Vielmehr geht es darum, die Innenstadt als Ganzes zu begreifen. Und man muss sich entscheiden, welcher Lebensbereich tonangebend sein soll.

Prioritäten setzen

Um es an einem konkreten Beispiel festzumachen: Mit Blick auf Klimaziele und Lebensqualität der Anrainer mag es zweifelsohne erstrebenswert sein, den individuellen Personennahverkehr aus der Innenstadt möglichst komplett zu verbannen. Dem Einzelhändler treibt der bloße Gedanke daran jedoch schier die Tränen in die Augen angesichts einhergehender Frequenzverluste und Kaufkraftschwund. Der Handel spielt in diesem Kontext nach wie vor eine sehr wichtige, wenn auch nicht mehr dominante Rolle. Gerade deshalb muss er sich mehr denn je bewegen: Um dem veränderten Kaufverhalten und etwa den neuen Ansprüchen der Mobilität Rechnung zu tragen, wird er sich – verwoben mit der Online-Welt als hybride Verkaufslandschaften – neu aufstellen müssen. Digitale Sichtbarkeit – Stichwort Google My Business – und logistische Angebote für bislang rein stationäre Geschäfte weisen den Weg.

Zurück zum bunten sozialen Leben

Mehr als das befinden wir uns vor der Renaissance des Stadtlebens, waren die Zentren doch schon immer nicht nur Kirch- und Marktplatz, sondern auch Plattform für das bunte soziale Treiben. Neben der Geschäftswelt bringen schließlich gerade auch Gastronomie und Dienstleistung viele Menschen und somit pulsierendes Leben in die Innenstadt; das gilt sowieso für Wohnungen in zentraler City-Lage. Ein Stück weit dorthin zurückzukehren, erfordert einen Wandel der innerstädtischen Lebensräume. Aber Handlungsbedarf besteht ohnehin, weltweit nimmt die Urbanisierung zu – die Menschen zieht es zunehmend wieder in die Stadt. So hat die Deutsche Stiftung Weltbevölkerung vor zwei Jahren in Anlehnung an die Vereinten Nationen einen rasanten Anstieg der Stadt- im Verhältnis zu den Landbewohnern bis 2050 von 55 Prozent auf 68 Prozent prognostiziert.

Breit angelegte Anreize setzen

Umso wichtiger ist es also, den Stadtkern wiederzubeleben. Viele Städte haben diese Zusammenhänge längst erkannt. Sie versuchen im Rahmen ihrer Möglichkeiten, Menschen aller Altersklassen den Weg in die City zu versüßen. Vom öffentlich freien WLAN und attraktiven Parkraumkonzepten über Wasserspiele und Kletterwände bis hin zu Event-Plattformen reicht die Liste der Angebote, unter denen selbst touristische Highlights nicht fehlen. Städtische Ämter und publikumsintensive Einrichtungen dorthin zu verlagern, wo deren Besucher im Anschluss noch auf einen Kaffee oder zum Ladenbesuch bleiben, ist dabei nur eine von vielen Angeln, die sich sinnvoll auslegen lassen.

Für jeden etwas dabei, damit sich jeder angesprochen fühlt, lautet die schlüssige Denkweise dahinter. Bei aller Kreativität der kommunalen Entscheidungsträger darf jedoch nicht vergessen werden, dass keine Stadtverwaltung allmächtig ist. Aber auch wenn sich über entsprechende Verordnungen bessere Rahmenbedingungen schaffen lassen: Wenn es um die Art der Nutzung einer Immobilie geht, entscheidet allein deren Eigentümer darüber, an wen und zu welchem Zweck er sie vermietet.

Wir brauchen Konzepte, die Menschen in die Innenstädte bringen. Dazu muss natürlich auch die Aufenthaltsqualität stimmen. Klick um zu Tweeten

– Daniela Schmitt, Ministerin für Wirtschaft, Verkehr, Landwirtschaft und Weinbau des Landes Rheinland- Pfalz

Fotos: Jason Hawkes, IHK Pfalz, Copyright Buddy Bartelsen Impress Picture for British Embassy

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Andreas Becker
Andreas Becker

Freier Wirtschafts-Journalist für IHK Interaktiv und das Wirtschaftsmagazin Pfalz.

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