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Grafik Lockdowns in der Wissenschaft

Intellektuelle Lockdowns in der Wissenschaft

von | 22.09.2021 | Meinung

Komplexe Gesellschaften zeichnen sich durch Teilsysteme aus, die dann gut funktionieren, wenn sie keine systemfremden Ziele verfolgen. Auf die Wissenschaft bezogen heißt das: Diese erfüllt dann ihre Funktion, Politik, Wirtschaft und Gesellschaft Erkenntnisse zur Entscheidungsfindung zur Verfügung zu stellen, wenn sie ihrem Ziel verpflichtet bleibt. Dieses Ziel heißt: ergebnisoffenes Erkenntnisstreben.

In den vergangenen Jahren hat ein Typ Wissenschaftler an Einfluss gewonnen, dem es nicht darum geht, ergebnisoffen zu forschen und es Politik, Wirtschaft und Gesellschaft zu überlassen, welche Schlussfolgerungen sie aus seinen Erkenntnissen ziehen. Dieser Wissenschaftlertyp verfolgt selbst eine gesellschaftspolitische Agenda, die er mithilfe von Forschung und Lehre vorantreiben möchte. Diese Agendawissenschaftler agieren also letztlich wie Politiker, weil sie das Ziel verfolgen, die Gesellschaft nach ihren Vorstellungen zu verändern. Sie nehmen dabei gerne für sich in Anspruch, für „die“ Wissenschaft zu sprechen, um ihr gesellschaftspolitisches Machtstreben in das Gewand der Wissenschaftlichkeit zu hüllen. 

 

​Auf Wissenschaftler, die Forschungsfragen nachgehen, die ihre Agenda infrage stellen, reagieren sie typischerweise mit Angriffen auf die Person des Wissenschaftlers, um die Auseinandersetzung mit agendagefährdenden Inhalten zu vermeiden. Das handlungsleitende Motto dieser Agendawissenschaftler lässt sich mit „disziplinieren statt argumentieren“ auf den Punkt bringen. Durchgesetzt wird es mit drei Mitteln: der moralischen Diskreditierung, der sozialen Ausgrenzung und der institutionellen Bestrafung.

Ein Beispiel zur Illustration: Kommt ein Wissenschaftler nicht zum agendakonformen Ergebnis, dass am Klimawandel einzig der kapitalistisch wirtschaftende Mensch schuld sei, und dass einzig eine grundlegende Gesellschaftstransformation das „Klima retten“ könne, wird ihm unterstellt, dass er in Kauf nehme, dass der Menschheit schweres Leid widerfahren wird. Wer von seiner Agenda das Überleben der Menschheit abhängig macht, der greift zur maximal möglichen Moralisierung, womit er zugleich anderen Wissenschaftlern die höchste intellektuelle Lockdown-Stufe aufzunötigen versucht. Dergestalt moralisch diskreditierte Wissenschaftler dürfen in dieser Sichtweise sozial ausgegrenzt werden. Zudem gilt es als geboten, dass man es ihnen schwermacht, an Forschungsgelder und Publikationsmöglichkeiten zu kommen.

Die daraus resultierenden intellektuellen Lockdowns sind folgenschwer für Gesellschaften, weil ihnen so wichtiges Wissen systematisch entzogen wird. Auch um das zu verhindern, habe ich das „Netzwerk Wissenschaftsfreiheit“ initiiert.

 

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Vortrag „Wissenschaft gedeiht nur in einem Klima der Freiheit”
Dr. Sandra Kostner beim Forum Wissenschaft, Wirtschaft u. Politik der Metropolregion Rhein-Neckar im April 2021.

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Sandra Kostner

Sandra Kostner

Initiatorin und Sprecherin des „Netzwerk Wissenschaftsfreiheit". Die Historikerin und Soziologin lehrt an der Pädagogischen Hochschule Schwäbisch Gmünd.

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