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„Künstliche Intelligenz geht ihren Weg auch im Mittelstand“

von | 19.11.2020 | Forschung & Entwicklung

Deutsches Forschungszentrum für Künstliche Intelligenz GmbH

Künstliche Intelligenz übt eine gewisse Faszination aus, klingt das Buzzword doch nach Science-Fiction, nach Moderne. Firmen gelten für die Zukunft gut gerüstet, wenn KI, so die gängige Kurzformel, bei ihnen Relevanz hat. Dennoch können sich viele Menschen immer noch wenig darunter vorstellen, Unternehmen fehlt der Ansatz, KI zu integrieren. Wir sprachen darüber im großen Sommerinterview mit Prof. Dr. Prof. h.c. Andreas Dengel, dem Geschäftsführenden Direktor des Deutschen Forschungszentrums für Künstliche Intelligenz (DFKI) Kaiserslautern und Leiter des Forschungsbereichs Smarte Daten & Wissensdienste.

Herr Professor Dengel, was ist für Sie persönlich der wichtigste Aspekt an KI?

Die Welt wird zunehmend komplexer und stellt immer mehr Herausforderungen an den Einzelnen, an Gesellschaft, Unternehmen und Institutionen. Um diese Komplexität etwas zu durchdringen, kann die KI erhebliche Beiträge leisten, das halte ich für wichtig. Wir kennen einiges schon aus dem Alltag, beispielsweise dass uns die KI im Auto schnell von einem Ort zum anderen navigiert. Oder die Suche im Internet, wo wir das Angebot gar nicht mehr durchblicken, die KI uns aber personen- und profilgetrieben Informationen zusteuert.

In populären Medien werden meist die negativen Aspekte von KI aufgezeigt und damit vorhandene Ängste geschürt oder neue implementiert. Entspricht das auch Ihrer Wahrnehmung?

Intelligenz ist für uns immer noch etwas Mystisches, weil wir sie nicht greifen können. Wir können intelligentes Verhalten bei Menschen ablesen, aber wissen gar nicht genau, was dahintersteckt, weil es weder definiert noch messbar ist. Nun kommt noch das Wort ,künstlich‘ hinzu. Das heißt, es gibt da etwas, das das, was wir noch gar nicht messen können, auch können soll. Das verwirrt viele Menschen. Daher gibt es oft Ängste oder Zweifel durch die fehlende Einschätzbarkeit von KI, aber auch Zukunftsängste, was deren Folgen betrifft.

Psychologisch ist ja ein Bezug von Ängsten und Kontrolle nachgewiesen. Liegt die Angst vor KI gerade im Kontrollverlust begründet?

Das geht absolut in diese Richtung. Ängste werden immer geschürt, wenn man Dinge nicht unter Kontrolle hat – in jeglicher Situation. Das hat primär nichts mit KI zu tun, ist aber vergleichbar. Denn KI-Systeme werden heute nicht mehr unbedingt programmiert, und man kann die einzelnen Programmbefehle nicht mehr kontrollierend nachvollziehen, wenn eine KI zunehmend autonom lernt und agiert.

Es gibt Sport-Apps, die den Menschen optimieren könnten, und Computer, die Bewerber ablehnen – alles auf Grundlage von KI. Das macht zumindest nachdenklich, oder?

KI ist nicht mehr revolutionär, sondern evolutionär zu betrachten, in dem Sinne, dass sich KI zunehmend im System der Gesellschaft, der Produktion, der Wertschöpfung wiederfindet und heute schon eine Rolle spielt. In Japan gibt es den Begriff ,Roboboss‘ für ein KI-System, das Arbeitsabläufe analysiert, optimiert und Mitarbeitern auf dieser Grundlage konkrete Handlungsanweisungen gibt. Das wird zunehmend in Bereichen der Fall sein, in denen Abläufe und Sensordaten messbar sind. Das ist sicher nicht immer im Sinne der Arbeitnehmer, weil die Fähigkeiten einer KI zum einen nicht bewertbar sind und zum zweiten dadurch Existenzängste generiert werden.

Ist dieser Prozess also ein ganz normaler Teil der Vierten Industriellen Revolution?

Jede Technologie hat ihre eigene Zeit und ihre eigenen Auswirkungen. Als das Automobil eingeführt wurde, hatten Kutscher und Schmiede Existenzängste, die durchaus berechtigt waren. Aber es sind auch viele neue Berufsgruppen entstanden. Bei der KI wird es ähnlich sein, nur dass hier – man spricht da oft von digitalem Taylorismus – eine Arbeitsteilung stattfindet, die Mensch und Maschine in eine Koexistenz bringt, um gemeinsam Problemlösungen durchzuführen. KI ergänzt und erweitert dabei menschliche Fertigkeiten. Mit einem durch KI gesteuerten Exoskelett kann ein Mensch zum Beispiel wesentlich mehr Kraft aufwenden und trotzdem seine sensible Art, mechanische Handlungen durchzuführen, umsetzen. Es wird sich einfach vieles verändern, auch die Rolle des Menschen.

Wie nähern sich Unternehmen dem Thema KI, und wie unterstützt das DFKI?

KI ist heute in vielerlei Anwendungen nachgefragt. Es geht beispielsweise um visuelle Endkontrolle von Produkten, es geht um die Inspektion von Maschinen, die permanent im Hochleistungsbereich produzieren müssen, oder es geht um die Analyse von Satellitenbildern, um zu sehen, wie Katastrophen entstehen und wie man sie vermeiden kann. Es sind also in der Regel spezifische Fragestellungen. Das DFKI gibt den Unternehmen dann ein Feedback, ob und wie die Probleme lösbar sind.

Müssen sich Unternehmen daran gewöhnen, dass sie im KI-Bereich kein fertiges Produkt mehr einkaufen, sondern Systeme, die mithilfe von Algorithmen im laufenden Betrieb weiterlernen?

Mit der Evolution der KI sind alle noch am
Lernen, auch wir Wissenschaftler. Man kann aber KI heute schon relativ einfach einsetzen, um im Unternehmen Mehrwerte zu generieren, oder auch für neue Geschäftsmodelle. Da gibt es eine ganze Menge von Tools am Markt, um eine schnelle KI-Lösung zu generieren, und das machen auch einige Unternehmen. Das sind dann KI-Lösungen von der Stange. Um aber die beste Entwicklung für das Unternehmen umzusetzen, muss man doch eine gewisse Form von Know-how haben. Trotzdem rechne ich damit, dass wir zunehmend Lösungen bekommen werden, die mit einem geringen Aufwand auf eigene Probleme anwendbar sind. Was man heute in Form von Apps kennt, wird es künftig dann im Bereich von KI-Modellen geben – also keinen App-Store, sondern einen Model-Store, aus dem man sich Komponenten auswählen kann, die man mit eigenen Daten und verhältnismäßigem Aufwand so anpassen kann, dass man sie einsetzen kann. Und das, ohne dass man seine Daten preisgeben muss. Das wird sicherlich ein Markt, wo wir handelbares Wissen in Form von KI-Modellen in Zukunft erwarten können, die nicht nur für die Großunternehmen, sondern spezifisch für den Mittelstand zugänglich sein werden.

Wo liegen heute die Hemmschwellen für den Mittelstand?

Der Einsatz von KI in KMU scheitert heute vornehmlich daran, dass sie nur bedingt Kapazitäten und Experten zur Hand haben, die es ihnen möglich machen, KI einzusetzen. Sie tun sich dadurch schwer mit Investitionen, insbesondere weil man auch den Return on Investment nicht bewerten kann. Da tun sich Unternehmen oft leichter. Aber ich rechne damit, dass sich da in den nächsten Jahren für den Mittelstand etwas tun wird, und die KI ihren Weg auch im Mittelstand geht.

 

Foto: stock.adobe.com – pickup

www.dfki.de

Fotos: Jason Hawkes, IHK Pfalz, Copyright Buddy Bartelsen Impress Picture for British Embassy

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Alexander Kessler
Alexander Kessler

IHK Pfalz

Redakteur für Print, Web und Social Media im Bereich Öffentlichkeitsarbeit der IHK Pfalz.

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