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„Jeder hat eine zweite Chance verdient“

von | 20.11.2020 | Arbeitswelten

Beim Konkurrenzkampf um Fachkräfte hat die Gastronomie eher schlechte Karten. Helmut Glas, in der dritten Generation Chef des Landgasthofs Jägerstübchen in Neustadt Hambach, gibt deshalb auch Azubis mit einem schwierigen Hintergrund eine Chance – und hat damit gute Erfahrungen gemacht.

„Die Zeugnisse lege ich bei einem Bewerbungsgespräch erst einmal beiseite“, so der 44-jährige Gastwirt, der eigentlich Bankkaufmann gelernt hat, bevor er 2007 das Restaurant Jägerstübchen mit sechs Gästezimmern von seinen Eltern übernahm. „Denn mir geht es in einem ersten Schritt darum, die jungen Leute kennenzulernen und herauszufinden, ob der Beruf eines Hotelfachmanns oder eines Kochs für sie überhaupt das Richtige sein könnte.“ Dabei sollen vor allem mehrere Praktika helfen, zu denen Glas die Kandidaten für eine Ausbildung in seinem Betrieb einlädt – auch um dem Abbruch einer Lehre vorzubeugen, eine Erfahrung, die er schon häufig machen musste. „Ich halte allerdings nichts davon, diese Praktika über Monate auszudehnen und die potenziellen Azubis als billige Arbeitskräfte zu nutzen. Meist kann man schon nach einigen Tagen sehen, ob es passt.“

Als wichtige Voraussetzung für den erfolgreichen Abschluss einer Ausbildung sieht der Gastronom vor allem das gute Betriebsklima. „Meinem Team – derzeit sind es rund zehn Mitarbeiter, inklusive dreier Auszubildender – muss es Spaß machen, im Jägerstübchen zu arbeiten. Sie müssen gerne kommen und nicht nur, weil die Eltern Druck machen. Und wenn es einmal hakt, sei es im Job oder auch privat, steht meine Tür immer offen und wir versuchen gemeinsam, eine Lösung zu finden.“ Manchmal muss man auch einfach nur ein bisschen Geduld haben, weiß der erfahrene Ausbilder und denkt dabei an seinen derzeitigen Koch- Azubi, der mit 13 Jahren erstmals im Rahmen eines Hauptschul-praktikums zu ihm kam und nun mit großem Engagement seine Lehre begonnen hat.

Vertrauen bewiesen: auch schwierige Fälle bekommen eine Chance

Glas gibt jedoch auch schwierigen Fällen eine Chance. „Ich denke da beispielsweise an einen jungen Mann, der seine Ausbildung abbrechen musste, weil er Geld entwendet hatte. Bei mir konnte er die Ausbildung fortsetzen – obwohl einige meiner Gäste seine Geschichte kannten und mich auf das vermeintliche Risiko hinwiesen. Und mein Vertrauen wurde nicht enttäuscht.“

Geholfen hat Glas zudem sein Einsatz in der Jugendarbeit, wo er sich über Themen wie Drogen und Alkoholmissbrauch informierte. So bildet er auch immer wieder junge Leute aus, die aus einem solchen Umfeld stammen. „Ich bin in einer Gastwirtschaft aufgewachsen, der Umgang mit Alkohol ist mir vertraut, und wenn meine Lehrlinge in diesem Kontext Probleme haben, versuche ich ihnen zu helfen – selbst wenn möglicherweise ein Entzug nötig ist. In den aktuellen Corona-Zeiten, als wir geschlossen hatten, habe ich auch vor diesem Hintergrund den Kontakt zu meinen Azubis aufrechtgehalten, um sicherzustellen, dass sie nicht abrutschen.“

Das gute Miteinander ist ein wichtiger Grund, warum seine Azubis nach einigen Wanderjahren nach der Lehre gerne wieder nach Neustadt-Hambach zurückkommen, wie der stellvertretende Küchenchef Florian Killius, der 2011 seine Lehre zum Koch im Jägerstübchen erfolgreich absolvierte und seit Anfang 2020 wieder Teil der Mannschaft ist. Gerade erst hat er den Ausbilderschein abgelegt. „Man muss auf die Azubis eingehen und ein Vorbild sein“, meint auch er.

Bei einem Thema hat er diese Funktion allerdings nicht erfüllen können. „Eigentlich wollte ich mit dem Rauchen aufhören. Schließlich hat unser Chef den Nichtrauchern in unserem Team fünf Tage mehr Urlaub eingeräumt, um die Raucherpausen auszugleichen und einen Anreiz zum Aufhören zu schaffen“, erzählt er. „Im nächsten Jahr starte ich aber einen neuen Versuch – versprochen.“

 

Foto: Jägerstübchen

www.landgasthofjaegerstuebchen.de

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Ulla Cramer
Ulla Cramer

Freie Wirtschafts-Journalistin für IHK Interaktiv und das Wirtschaftsmagazin Pfalz.

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