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Stadtentwicklung in Pirmasens trägt Früchte

von | 28.07.2021 | Infrastruktur

Aus der Not eine Tugend gemacht

Stadtplanung gibt’s schon immer – mindestens seit die Menschen nicht mehr als Nomaden herumgezogen, sondern sesshaft geworden sind. Stadtplaner Jörg Bauer berichtet im Interview über die ganz besonderen Herausforderungen der Stadtentwicklung in Pirmasens und wie man dort mit ihnen umgeht.

Redaktion: Herr Bauer, was waren denn im Rückblick die größten Herausforderungen für die Pirmasenser mit Blick auf die Stadtentwicklung?

Jörg Bauer: Da fällt mir zunächst die Nachkriegszeit ein: Infolge der Bombardements der Alliierten wurden die Infrastruktur und nahezu das komplette Stadtzentrum zerstört. Die nächste große Zäsur sollte in den Neunzigerjahren folgen und da spielten gleich mehrere Faktoren zusammen. Da wären der Rückzug der US-amerikanischen Garnison auf einer 75 Hektar großen Militärliegenschaft und der Niedergang der fertigenden Schuhindustrie zu nennen – beides verbunden mit Leerständen, Arbeitslosigkeit und Kaufkraftentzug. Für viele Immobilien hatte dies einen durchgreifenden Unterhaltungsstau mit entsprechendem Wertverlust zur Folge. Gleichzeitig waren wir von der demografischen Entwicklung ganz besonders stark betroffen, kam doch zur generellen Überalterung vor dem Hintergrund der beschriebenen Misslage eine Abwanderungstendenz der Jüngeren hinzu.

Redaktion: Gibt es weitere Besonderheiten, mit denen Sie am Horeb umgehen müssen?

Jörg Bauer: Pirmasens wird nicht umsonst gern Siebenhügelstadt genannt und mit Rom verglichen. Diese von Höhenunterschieden geprägte Topografie bringt zwar ein Plus an Wohnqualität mit sich wegen der wirklich fantastischen Ausblicke, andererseits ist von Nachteil, dass man – salopp gesagt – jedem von oben runter in den Hinterhof schauen kann. Auch die Mobilität schränkt das ständige Auf und Ab ein, denken Sie etwa ans Fahrradfahren oder den Busverkehr. Gerade für ältere Generationen können längere Fußstrecken zur Herausforderung werden, wenn steile Anhöhen oder viele Treppen zu überwinden sind. Im Endeffekt ist – gleichfalls der Topografie geschuldet – außerdem der Bedarf an ebenerdigen größeren Gewerbeflächen für die Industrie stets höher als das Angebot. Und selbstverständlich spielt auch die Randlage der Stadt eine Rolle, mit der nahen französischen Grenze im Süden und Südwesten und der noch immer unzureichenden Anbindung an die Rhein-Neckar-Metropolregion über die B 10.

Redaktion: Was haben Sie getan, um den beschriebenen einschneidenden Entwicklungen entgegenzuwirken?

Jörg Bauer: Wir haben Mitte der Neunzigerjahre über das Stadtmarketing koordiniert eine Leitbild-Diskussion gestartet – in mehreren Phasen und mit mehreren Themenblocks. Das war so etwas wie die Initialzündung für die ersten Stadtentwicklungskonzepte; auf 2002 datiert das Pirmasenser Innenstadtentwicklungskonzept. Im Rahmen des Bundespilotprojekts Stadtumbau West ist daraus ein integriertes Stadtentwicklungskonzept für die Gesamtstadt erwachsen. Letztlich gehen dabei Aspekte wie Landschaftsplanung, Wohn-, Gewerbeflächen- und Einzelhandelskonzept, Verkehrsentwicklungsplan oder auch die technische und soziale Infrastruktur immer Hand in Hand.

Redaktion: Wie sind Sie bei der Innenstadtentwicklung denn vorgegangen?

Jörg Bauer: Uns wurde schnell klar, dass eine solche Aufgabe angesichts der zahlreichen Leerstände und des riesigen Investitionsstaus bei Immobilien unmöglich als flächiger Ansatz in der Innenstadt zu bewältigen ist. Daher fiel der Entschluss, entlang der beiden Innenstadtachsen imageträchtige Impulsprojekte mit positiver Außendarstellung zu realisieren. Neben bereits umgesetzten Projekten wie der umgenutzten Schuhfabrik Neuffer ging es in einem ersten Schritt im Städtebauförderprogramm Stadtumbau West um die Revitalisierung des Rheinberger, einer aus der Kaiserzeit stammenden ehemaligen Schuhfabrik, die seit 1995 als Industrieruine gigantischen Ausmaßes in der Innenstadt brachlag. Daneben konzentrierten wir uns auf das Messeumfeld – hier waren Umnutzung, Rückbau und direkter Anschluss an die City geboten – und das Generationen-übergreifende Wohnangebot PS:patio! mit den Projektpartnern Diakoniezentrum und Bauhilfe Pirmasens an der Seite. Dessen Besonderheit liegt darin, sanierungsbedürftige Wohnblocks aus den Fünfzigerjahren rückgebaut zu haben, um ein neues Quartier mit attraktiven nachgefragten Ein- und Mehrfamilienhäusern im Innenstadtbereich als Impuls für den Wohnungsmarkt und Antwort auf den demographischen Wandel hochzuziehen.

Redaktion: Hat sich der Erfolg dieser Impulsprojekte eingestellt?

Jörg Bauer: Alle drei Impulsprojekte – Rheinberger, Messeumfeld und PS:patio! – konnten zwischen 2005 und 2015 erfolgreich umgesetzt werden. So ist der Rheinberger nach Rück- und Umbau komplett vermietet und beherbergt unter anderem das Science Center Dynamikum, eine Reformschule, die Tourist-Info sowie zahlreiche medizinische Einrichtungen und Büros. Auf dem Messegelände wurden Hallen abgerissen, dort ist ein großes medizinisches Zentrum entstanden, angebunden an die zentrale Innenstadt über einen neuen städtischen Platz und einen ansprechend gestalteten Fußweg. Auch PS:patio! ist komplett vermietet. Aber ganz entscheidend ist, diese Achsenstrategie auch konsequent weiterzuverfolgen und weitere zusätzliche Projekte zu entwickeln. So wurde der Hauptbahnhof komplett renoviert, aus dem brachliegenden Kraftpostamt ist das Kulturzentrum Forum ALTE POST entstanden und in das seit 2005 leerstehende Hauptpostamt ist eine CityStar-Jugendherberge eingezogen. Weitere Großprojekte stehen bereits auf der Agenda.

Redaktion: Und was ist aus den militärischen Liegenschaften geworden?

Jörg Bauer: Hierzu wurde über städtebauliche Verträge und Co-Finanzierungs-Modelle mit mehreren Ministerien ein feingliedriges Konstrukt entworfen. Im Ergebnis ist ein Wirtschaftszentrum entstanden mit den neuen Stadtvierteln Husterhöhe Nord und Süd und einem breit gefächerten Branchenmix. Zu den vielen Adressen gehören heute etwa der Campus Pirmasens der Hochschule Kaiserslautern, das ISC International Shoe Competence Center mit der Schuhfachschule, das Prüf- und Forschungsinstitut PFI, der Sportpark und eine Automeile.

Redaktion: Mit anderen Worten: Alle Probleme in Pirmasens sind gelöst?

Jörg Bauer: Nein, das wäre schön, aber immerhin ist die Entwicklungsstrategie mit dem Stadtentwicklungskonzept und der Zielsetzung „Innen- vor Außenentwicklung“ angelegt und wichtige sichtbare Meilensteine sind gesetzt. Sehen Sie, letztlich geht es bei Stadtentwicklung nicht nur darum, Strategien zu entwickeln und Konzepte zu verabschieden, sondern darauffolgend auch Impulse und Anreize zu schaffen. Denn bei der Umsetzung ist man naturgemäß immer von den Eigentümern der Immobilien und privaten Investitionen abhängig. Hier sind ein geschicktes strategisches Vorgehen seitens der Verwaltung und eine gute Kommunikation mit Investoren und Eigentümern gefragt. Auch rechtliche Rahmensetzungen sind erforderlich.

Redaktion: Können Sie ein Beispiel für solche Regelungen nennen?

Jörg Bauer: Die Stadt Pirmasens hat bereits 2007 ein mittlerweile mehrfach, letztmals 2017 fortgeschriebenes Einzelhandelskonzept erlassen, um die innenstadtrelevanten Angebote in der Innenstadt zu halten. In der Vergangenheit waren nämlich viele Einzelhandelsflächen in die Peripherie gewandert, so dass wir gerade mal noch ein Viertel aller Handelsressourcen im Stadtkern hatten. Das erlassene Einzelhandelskonzept soll die weitere Ansiedlung von wichtigen innenstadtrelevanten Sortimenten in den Außenbezirken verhindern und damit die Funktion der Innenstadt erhalten und stärken. Für das Einführen und konsequente Umsetzen bis hin zur gerichtlichen Durchsetzung des Einzelhandelskonzepts hat die Stadt von fachlicher Seite her viel Lob erhalten. Andererseits gibt es auch regelmäßig Gegenwind von Entwicklern – meist dann, wenn eine außenliegende Ansiedlung mit Verweis auf die langfristige Tragweite für die innerstädtische Versorgung abgelehnt wird.

Redaktion: Apropos Gegenwind: Gibt es denn in der Stadtplanung auch Windmühlen, gegen die es anzukämpfen gilt?

Jörg Bauer: Das jetzt weniger, aber die Halbwertszeit der Konzepte wird immer kürzer. Das hängt vor allem damit zusammen, dass es zu lange dauert, bis die notwendigen Rechtsrahmen gesetzt sind; da wird vieles zunehmend komplizierter, aufgeblähter und damit schwerfälliger. Im Ergebnis sind Konzepte dann unter Umständen schon weitestgehend überholt, bevor sie zum Tragen kommen können. Diese ungünstige Entwicklung ist das Ergebnis einer immer schnelllebigeren Zeit. Eine Problematik der Städtebauförderung liegt darin, dass oft Fördergelder nicht in Anspruch genommen werden können. Gründe dafür sind beispielsweise hohe Anforderungen bei der Umsetzung, wie etwa bei aufwändigen Ausschreibungsverfahren der Fall, oder die aktuell stark überzogenen Baupreise.

Redaktion: Womit beschäftigen Sie sich in Pirmasens aktuell?

Jörg Bauer: Ganz konkret haben wir einen bis ins Jahr 2030 blickenden Verkehrsentwicklungsplan verabschiedet und beschäftigen uns mit einhergehenden Themenstellungen wie Parkraumbewirtschaftung und Radwegekonzept. Aber vor allem treibt uns wie andere auch die Entwicklung der Innenstadt um. Dort verstärkt das geänderte Einkaufsverhalten hin zum E-Shop die ohnehin großen Probleme des Einzelhandels. Wir diskutieren unter anderem mögliche Änderungen der Fußgängerzone, die durch immer größer werdende Lücken droht, an Attraktivität einzubüßen. Wenn man die jetzigen Funktionen erhalten will, müssen die Handelsflächen konzentriert werden – im Sinne eines Schrumpfens zugunsten von Qualität. Entsprechend stehen wir über unseren Citymanager im engen Dialog mit den Hauseigentümern. Es erfolgt unter anderem auch eine Beratung hinsichtlich möglicher Umstrukturierungen ihrer Läden in andere Nutzungen, etwa in Richtung Dienstleistung oder auch Wohnraum; die richtige Mischung verspricht den Erfolg. Schon in den Jahren 2015 und 2018 haben wir alle Eigentümer in der Innenstadt zu ihren Immobilien detailliert befragt. Uns liegen sämtliche Handelsflächen vor mit jedem Unternehmen und zugeordneter Branche. Die Daten bis heute fortzuschreiben, war und ist zwar sehr aufwändig, zahlt sich aber durch eine fundiertere Datengrundlage für die Maßnahmenpläne aus.
Die Pirmasenser mussten sich aus der Not geboren schon früh Gedanken um die Entwicklung ihrer Innenstadt machen; bereits 1995 gab es erste Workshops mit Bürgerbeteiligungen. Dies wiederum hat uns einen gewissen Vorsprung verschafft: Viele andere Städte kommen nämlich jetzt erst in vergleichbare Situationen – aber auch wenn hier noch immer viel zu tun ist, sehen wir in Pirmasens doch schon erste Früchte unserer Bemühungen.

Redaktion: Vielen Dank für das Gespräch, Herr Bauer.

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Andreas Becker
Andreas Becker

Freier Wirtschafts-Journalist für IHK Interaktiv und das Wirtschaftsmagazin Pfalz.

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