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Steigerungspotenzial vorhanden

von | 30.11.2021 | IHK

Er hat den Begriff vor über 30 Jahren geprägt, und seit Jahrzehnten studiert er intensiv das Dasein von Hidden Champions: Hermann Simon ist habiliteirter Wirtschaftswissenschaftler, Gründer und Honorary Chairman des Beratungsunternehmens Simon-Kucher & Partners. Er ist Experte für Strategie, Marketing und Pricing sowie international gefragter Berater und Referent. Für das Wirtschaftsmagazin Pfalz sprach Marion Raschka mit ihm über die Pfalz als „Heldenversteck“.
Welche Faktoren zeichnen einen Hidden Champion vor allen anderen aus?
Die drei entscheidenden Strategiefaktoren von Hidden Champions sind erstens die Ambition, der Beste in seinem Markt zu sein, und zwar weltweit. Das erreicht man – zweitens – nur mit Fokus, denn nur Fokus führt zu Weltklasse. Fokus hat jedoch den Nachteil, dass er einen Markt klein macht. Wie macht man ihn groß? Durch Globalisierung, der dritte strategische Faktor der Hidden Champions. Natürlich kommen weitere Instrumente hinzu. Hier sind vor allem kontinuierliche Innovation und Kundennähe zu nennen. Die Überlegenheit
resultiert zudem natürlich aus den inneren Kräften eines Unternehmens, den Kompetenzen der Mitarbeiter und Führungskräfte. Die Hidden Champions investieren sehr stark in die Qualifikation ihrer Mitarbeiter und erreichen eine sehr niedrige Fluktuation von 2,7 Prozent. Der deutsche Durchschnitt liegt bei 7,3 Prozent. Bei den Führungskräften fällt vor allem die langfristige Orientierung auf. Die durchschnittliche Amtsdauer der Hidden- Champion-Chefs beträgt 21 Jahre, bei Großunternehmen sind es nur sechs Jahre.
Hermann Simon ist Gründer und Honorary Chairman von Simon-Kucher & Partners, Bestseller- Autor und Management- Vordenker.
Welche Voraussetzungen sind an einem Wirtschaftsstandort wie der Pfalz besonders günstig oder auch besonders ungünstig für die Entwicklung von Hidden Champions?
Per saldo bietet die Pfalz günstige Bedingungen. Wenn man heute mit internationalen Investoren spricht, stehen in der Regel nicht die reinen Kosten an erster Stelle, sondern Aspekte wie Verfügbarkeit von Talenten, Logistik und Verkehrsanbindung, Business-Ökosysteme sowie zunehmend auch das Thema Energie und Elektrizität. Bei den Faktoren Talente und logistische Anbindung schneidet die Pfalz sehr gut ab. Die
Universität Kaiserslautern spielt hierbei eine Schlüsselrolle. Die Pfalz ist überwiegend gut an das Verkehrs-, das Eisenbahn- und auch das Schifffahrtsnetz angebunden. Allerdings sind in den weiter westlich gelegenen Gebieten diese Bedingungen nicht so günstig. Dort zeigt sich auch ein weiterer Nachteil, nämlich die Schwierigkeit, Toptalente für ländliche Standorte zu gewinnen.
Wie beurteilen Sie den Status quo und das wirtschaftliche Klima derzeit?
Das wirtschaftliche Klima ist derzeit etwas gespalten. Wir erleben in vielen Industriesektoren große Umbrüche, genannt seien nur die Themen Mobilität und Energieversorgung. Einerseits bieten sich dort Chancen, die von deutschen Hidden Champions wahrgenommen werden, etwa zum Thema Nachhaltigkeit. Andererseits haben wir viele Hidden Champions, darunter auch
solche in der Pfalz, die stark an die traditionelle Verbrennertechnologie gebunden sind und insofern einer Transformation bedürfen. Wie man am Beispiel  Opel in Kaiserslautern sieht, findet diese Transformation bereits statt, indem zum Beispiel von klassischen Autos in Richtung Batteriefabrik investiert wird.
Ein Blick in die Zukunft: Welche Branchen oder vielleicht auch regionale Themen halten Sie für besonders geeignet, um künftig deutschlandweit und/oder international Alleinstellung zu erlangen beziehungsweise sich weiter zu profilieren?

Hier geht es wiederum um die Themen Verfügbarkeit von Talenten (das heißt Aus- und Weiterbildung) und Verkehrsanbindung. Natürlich müssen die Kosten international wettbewerbsfähig bleiben, obwohl sie nicht mehr so stark an erster Stelle stehen. Das hat vor allem mit dem Thema Automatisierung zu tun. Durch Automatisierung lassen sich einfache Tätigkeiten, bei denen bisher Kosten eine große Rolle spielten, ohne menschliche Arbeit verrichten.

Unter diesem Aspekt sind die Löhne nicht mehr so wichtig. Für die Pfalz spielt sicherlich die zentrale Lage in Europa eine große Rolle. Ob die Region darüber hinaus eine Bindewirkung zwischen Deutschland und Frankreich ausüben kann, ist offen. Traditionell ist hier das Saarland etwas stärker eingebunden. Generell halte ich aber die Beziehung Deutschland-Frankreich in einem sich problematisch entwickelnden Europa für sehr wichtig. Für die Zukunft sehe ich eine Investitionswelle auf Deutschland und Europa zurollen. Dahinter steckt eine Entwicklung, die ich als „relative Deglobalisierung“ bezeichne und bereits seit zehn Jahren beobachte. Relative Deglobalisierung bedeutet, dass die Exporte langsamer wachsen als die Bruttoinlandsprodukte.

Exporte werden zunehmend durch Direktinvestitionen ersetzt. Das bedeutet einerseits, dass Wertschöpfung von Deutschland ins Ausland, insbesondere nach China und Amerika, verlagert wird. Dasselbe findet aber auch in der umgekehrten Richtung statt. Erste massive Anzeichen sind die Tesla-Fabrik in Grünheide und die Ankündigung von Intel, acht Gigafabriken in Europa zu bauen, die jeweils zehn Milliarden Euro kosten. Es geht also um eine Investitionssumme von 80 Milliarden Euro, die man sich kaum vorstellen kann. Deutschland ist noch in der Shortlist der möglichen Standorte, und ich hoffe, dass Deutschland keine Fehler macht und eine oder sogar mehrere dieser Intel-Gigafabriken anziehen kann.

Mir ist nicht bekannt, ob auch die Pfalz in der Shortlist ist. Es könnte durchaus sein, dass mit der Umgebung BASF etc. die Pfalz eine Rolle spielt. Im Moment haben wir nur vier chinesische Greenfield-Fabriken in Deutschland, während es um die 2.000 deutsche Fabriken in China gibt. Wir werden viele Investitionen von Chinesen sehen. Alle der rund 100 chinesischen Automobilzulieferer, die ich getroffen habe, sagten, dass sie in Deutschland investieren wollen, um mit den deutschen Autoherstellern ins globale Geschäft zu kommen.

Ich sehe große Chancen für Investitionen aus China und den USA, aber auch aus anderen europäischen Ländern. Natürlich muss man diesbezüglich aktiv werden und nicht darauf warten, dass die Investoren an die eigene Tür klopfen. Rheinland-Pfalz versucht das, aber im Vergleich zu anderen Ländern habe ich den Eindruck, dass hier noch Steigerungspotenzial besteht.

Zukunftsfähige Strategien Simon, Hermann: „Hidden Champions – Die neuen Spielregeln im chinesischen Jahrhundert“, August 2021, 39,95 Euro, 280 Seiten

Was macht den Erfolg der Hidden Champions aus Deutschland, Österreich und der Schweiz aus? Welche Strategien entwickeln sich positiv, und wie müssen Unternehmen diese angesichts von Digitalisierung, Klimawandel und neuen Märkten wie China anpassen? Antworten auf diese Fragen und Impulse zum Thema liefert dieses Buch vom Vordenker in Sachen heimliche Weltmarktführer.

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Marion Raschka
Marion Raschka

Freie Wirtschafts-Journalistin für IHK Interaktiv und das Wirtschaftsmagazin Pfalz.

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