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Wirtschaftsfaktor Tourismus

von | 21.09.2022 | IHK

Der Tourismus in der Pfalz hat eine hohe wirtschaftliche Bedeutung, schöpft allerdings sein Potenzial (noch) nicht voll aus: Eine aktuelle Studie im Auftrag von IHK Pfalz, Pfalz Touristik und ZukunftsRegion Westpfalz analysiert den wichtigen Wirtschaftsfaktor Tourismus und schafft so die Grundlage, um ihn weiterzuentwickeln. Für die Untersuchung hat die Tourismusberatung dwif-Consulting GmbH neben der gesamten Pfalz auch die Landkreise Germersheim, Südwestpfalz, Kaiserslautern, Kusel und den Donnersbergkreis sowie die Städte Speyer, Pirmasens, Zweibrücken und Kaiserslautern untersucht. Die ZukunftsRegion Westpfalz hatte die Teilstudien für alle größeren Gebietskörperschaften der Westpfalz in Auftrag gegeben.

Die Fakten sprechen eine deutliche Sprache: Mehr als 2,2 Milliarden Euro Umsatz, 60 Millionen Tagesgäste, fast sieben Millionen Übernachtungen in Beherbergungsbetrieben und zusätzlich mehr als vier Millionen Übernachtungen bei Verwandten und Bekannten, in der Summe mehr als 70 Millionen Aufenthaltstage. Diese Zahlen für 2019 zeigen anschaulich die große Bedeutung des Tourismus für die Pfalz. Davon profitieren nicht nur das Gastgewerbe, der Einzelhandel und die Dienstleistungsbranche. Der Tourismus als klassische Querschnittsbranche sorgt auch für mittelbare Wertschöpfung. Aus den gesamten Umsätzen im Pfälzer Tourismus ergeben sich ein Einkommensäquivalent von knapp 37.000 Arbeitsplätzen und über 200 Millionen Euro an Mehrwert- und Einkommensteuer pro Jahr.

Zwei Drittel durch Tagestouristen

Von den 2,2 Milliarden Euro Gesamtumsatz entfallen zwei Drittel auf den Tagestourismus, so ein überraschendes Ergebnis der Studie. Sie ergeben sich durch direkte Ausgaben der Gäste für Restaurant-besuche, Stadtführungen und Eintrittsgebühren, bleiben aber auch in Lebensmittelgeschäften oder beim ÖPNV. Lars Bengsch, Geschäftsführer der Tourismusberatung dwif, fasst zusammen: „Ich denke, dass dies nicht allen präsent ist. Diese hohe Bedeutung ist eine Folge der einwohnerstarken tagestouristischen Quellgebiete Rhein-Neckar und Rhein-Main vor der Haustür. Dadurch kann in der Pfalz ein Tourismus-angebot geschaffen und aufrechterhalten werden, das natürlich auch den Übernachtungsgästen zugutekommt. Ohne den Tagestourismus gäbe es diese Angebotsvielfalt nicht.“

Regional große Unterschiede

Spitze bei den Tagesreisen sind in den untersuchten Teilregionen die Städte Kaiserslautern (5,8 Millionen) und Speyer (5,2 Millionen). Die höchsten Bruttoumsätze generieren mit jeweils mehr als 200 Millionen Euro die Städte Zweibrücken (aufgrund des Outlet-Centers) und Kaiserslautern. Für Hans-Günther Clev sind genau diese Zahlen enorm wichtig. Der Geschäftsführer des Vereins ZukunftsRegion Westpfalz kann anhand der Studie nun seine Werbemaßnahmen besser planen: „Wenn Sie einen Anteil von 98 Prozent Tagestouristen in Kaiserslautern haben, dann brauchen Sie nicht in Brandenburg zu werben.“ Stattdessen könne die Stadt stärker für ihre kulturellen Höhepunkte werben und aus den Tagestouristen dann doch noch Übernachtungsgäste machen.

Für Übernachtungsgäste sind derzeit vor allem der Landkreis Südwestpfalz mit 700.000 Übernachtungen, die kreisfreie Stadt Speyer und der Landkreis Kaiserslautern (jeweils 400.000) attraktiv.

Einige Landkreise, zum Teil touristische Schwergewichte, sind zwar in den Gesamtzahlen für die Pfalz enthalten, haben aber keine eigenen Detailstudien erstellen lassen. Das heißt, dass die regionalen Unterschiede gegebenenfalls etwas anders aussehen könnten.

Branchenübergreifende Marke

Aus einer weiteren Studie (Tourismusstrategie Pfalz 2025+ im Auftrag der Pfalz Touristik) hat Bengsch mit seinem Team zentrale Handlungsfelder mit entsprechenden Schlüsselmaßnahmen für den Tourismus in der Pfalz herausgearbeitet. Zwei davon erläutert er näher: „Die Pfalz ist angesichts ihrer bundesweiten Bekanntheit, der starken pfälzischen Identität in der Bevölkerung, der hohen Sympathiewerte und des hohen wirtschaftlichen Potenzials der Region ein ‚schlafender Riese‘. Die Marke Pfalz hat nicht nur das Potenzial, zu einer starken touristischen Marke weiterentwickelt zu werden, sondern auch zu einer Standortmarke, von der auch weitere Branchen, wie Beispielsweise Wein, Nahrungsmittel, Holzwirtschaft, Mode oder Textil profitieren können.“

Es sei schade, dass die Pfalz trotz dieser Ausgangsvoraussetzungen aufgrund ihrer gelebten Kleinteiligkeit dieses Potenzial bislang nicht gehoben habe. „Der Prozess der Tourismusstrategie hat deutlich gemacht, dass die Herausarbeitung einer branchenübergreifenden Marke ‚Pfalz‘ (nach den Vorbildern Eifel, Südtirol, Allgäu, Schwarzwald) eine der zentralen Aufgaben in den kommenden Jahren sein muss“, so Bengsch.

Um zukünftig im touristischen Wettbewerb bestehen zu können, sei es wichtig, dass die in der Pfalz noch sehr ausgeprägten lokalpolitischen Kirchtürme abgebaut, Doppelstrukturen und -zuständigkeiten perspektivisch reduziert, Mittel gebündelt und die fachliche Zusammenarbeit und das Gemeinschaftsgefühl unter den Tourismusorganisationen in der gesamten Pfalz gestärkt werden. „Die Pfalz Touristik als zentrale Destinationsmanagement- Organisation muss hierfür deutlich gestärkt werden“, fordert der Tourismusexperte.

Weg vom Klein-Klein

Auch politisch sieht Bengsch den einen oder anderen Hebel, um die Tourismusmarke Pfalz voranzubringen: „Tourismus ist leider eine freiwillige Aufgabe für die kommunalen Gebietskörper-schaften, und eine Unterstützung des Tourismus wird immer noch zu oft in Frage gestellt. Wir brauchen ein klares Bekenntnis zum Tourismus. Die Erkenntnis, dass Investitionen in den Tourismus eine hohe Umwegrentabilität verursachen und mehr Geld bringen als sie kosten, muss sich durchsetzen. Und letztlich ist es natürlich wichtig, die Mittel zu bündeln und gemeinsam mit einer starken Dachorganisation als Pfalz im internationalen und nationalen Wettbewerb aufzutreten. Das häufig auch politisch verursachte Klein-Klein muss aufhören.“

Da geht noch mehr

In die gleiche Kerbe schlägt Anna Königstein, Tourismusexpertin der IHK Pfalz: „Nur wenn wir es schaffen, die Kräfte der vielen Tourismusakteure in den Gemeinden, Vereinen und Organisationen zu bündeln, können wir unsere Region deutschlandweit noch besser vermarkten. Dann gewinnen wir auch mehr Gäste, die länger in der Pfalz bleiben und entsprechend mehr Geld hierlassen.“ Nach Einschätzung der IHK hat die dwif-Studie die Erwartungen erfüllt, sie liefert ausreichend Ansätze für  Handlungs-empfehlungen. Königstein sieht darin einen Wegweiser für Pfälzer Unternehmer und IHK Pfalz gleichermaßen, gab es doch bisher kaum belastbare Daten zum Wirtschaftsfaktor Tourismus in der Pfalz: „Wir sehen an den Ergebnissen ganz deutlich, dass sich die Wertschöpfung durchaus noch steigern lässt.“ Alleine das Gastgewerbe macht sieben Prozent der IHK-Mitgliedsunternehmen aus; rechnet man mittelbar betroffene Branchen wie Lebensmittelhandel, Verkehrsbetriebe und touristische Einrichtungen hinzu, steigen die Zahlen der profitierenden Unternehmen exponentiell.

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Die Pfalz als Ganzjahresziel

Dass die Pfalz kein saisonales Produkt ist, sondern durchaus ein Ganzjahresziel, war für die IHK-Expertin eines der überraschendsten Ergebnisse: „Bisher dachten wir, dass Frühjahr und Herbst touristische Schwerpunkte für Wanderer und Radfahrer bilden. Doch die Studie hat gezeigt, dass gerade beim Tagestourismus wenig jahreszeitliche Schwankungen vorkommen. Die Pfalz kann also ein
attraktives Ganzjahresziel sein.“

Kennzeichen der überraschend starken Tagestouristen- Fraktion ist laut Königstein, dass sie überwiegend aus der näheren Umgebung (Radius 25 Kilometer) stammt. „Das heißt, dass es außerhalb des engen Radius noch Gästepotenzial gibt, etwa aus angrenzenden Bundesländern, und dass wir als Gastgeber die Angebote so ausweiten sollten, dass Besucher länger bleiben. Und: Die Pfalz als touristische Destination muss bundesweit und über die Grenzen hinaus attraktiv werden.“

Königstein verweist ebenfalls auf die Kleinteiligkeit der bisherigen Tourismusförderung, die sich für die Entwicklung der Dachmarke Pfalz als Hemmschuh erweist. „Die Frage ist, wie schnürt man gemeinsam ein attraktives Paket, in dem nicht nur eine Region, etwa die Südwestpfalz, sondern auch Süd-, Nordund Vorderpfalz mit attraktiven Angeboten vorkommen. Besuchenswerte Ziele liegen ja in der Pfalz oft nicht mehr als eine Autostunde voneinander entfernt.“

Perspektiven bieten

Nach dem starken Einbruch während Corona zeigt die dwif-Studie, die auf Zahlen aus dem Vor-Corona-Jahr 2019 fußt, dass die Branche in vielen Bereichen noch wachsen kann. „Wir müssen jetzt gemeinsam mutig und perspektivisch an der Weiterentwicklung arbeiten. Ein Beispiel: Die Beherbergungsdauer von Pfalzgästen kann durchaus gesteigert werden. Dafür allerdings müssen sämtliche Beteiligten an einem Strang ziehen.“ Ein Beispiel: Nachholbedarf besteht bei gut ausgestatteten Pfälzer Wellness-Hotels.

Derzeit unterstützt die IHK Pfalz touristische Betriebe vorrangig in den Bereichen Fachkräfte, Digitalisierung, Online-Marketing u.ä. Eine Initiative ist zum Beispiel die „Working Family“, in der sich familiengeführte Unternehmen aus Hotellerie und Gastronomie vernetzt und eine gemeinsame Stellenbörse geschaffen haben (siehe auch S. 32). Im Sommer hat die IHK Pfalz einen Sprechtag für Online- Marketing im Tourismus und einen Webseiten-Check angeboten. Auf der Basis der Studie will die IHK außerdem an Kommunal- und Landespolitik appellieren: „Zum einen, was den Haushalt angeht, denn unseres Erachtens sollte die Tourismusförderung eine Pflichtaufgabe im kommunalen Haushalt werden. Zum anderen wenden wir uns an die Landesregierung, denn im Zuge des Landesschwerpunkts ‚Innenstädte der Zukunft‘ ist Tourismus bereits mitgedacht. Auch hier sehen wir Handlungsbedarf.“

Die IHK Pfalz plant 2023 außerdem, eine Tourismuswoche Pfalz ins Leben zu rufen, um Netzwerke und Zusammenarbeit zu fördern. Themen sollen unter anderem Diversität und Digitalisierung sein. „Noch fehlt das Zusammengehörigkeitsgefühl innerhalb der Branche, der Teilregionen und der öffentlichen Stellen“, so Königstein. „Dabei sitzen wir alle in einem Boot.“

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Marion Raschka
Marion Raschka

Freie Wirtschafts-Journalistin für IHK Interaktiv und das Wirtschaftsmagazin Pfalz.

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